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Wer arbeitet wo im Parlament?

Parlamentsbibliothek

Das ist Frau Dietrich-Schulz. Sie hat 1989 begonnen in der Parlamentsbibliothek zu arbeiten. Damals war diese noch eine Büchersammlung, die nur durch Zettelkataloge zu erkunden war. Frau Dietrich-Schulz hat den Weg der Bibliothek bis heute mit verfolgt. Heute ist die Parlamentsbibliothek ein modernes Informationszentrum, in dem man durch Datenbanken unterstützt aus 330.000 (dreihundertdreißigtausend!) Bücherbänden in sekundenschnelle ein bestimmtes Buch finden kann! Frau Dietrich-Schulz weiß viele interessante Einzelheiten über die Parlamentsbibliothek und das Bibliothekswesen überhaupt.

Hat einmal jemand Berühmtes in der Parlamentsbibliothek gearbeitet?

Dr. Karl Renner, der von 1895 bis 1907 Bibliothekar an der damals Reichsratsbibliothek genannten Bibliothek tätig war. 1907, nach der Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Männerwahlrechtes, ist er als Abgeordneter ins Abgeordnetenhaus des Reichsrates übersiedelt. Später ist er Staatskanzler geworden, war Präsident des Nationalrates, 1945 Staatskanzler und von 1945 bis 1950 Bundespräsident.

Was ist der Unterschied zwischen der Bibliothek früher und heute?

Um 1900 war es sehr wichtig, dass man eine sehr schöne Schrift gehabt hat, dass man die Informationen über Bücher leserlich auf Karteikarten festgehalten hat. Heute nimmt uns der Computer diese Arbeit ab. Unsere persönliche Handschrift ist nicht mehr bedeutend, sondern der Eintrag in der Datenbank wird sozusagen maschinell wiedergegeben.

Was suchen Leute in der Parlamentsbibliothek?

Üblicherweise möchte jemand nachlesen, was hier im Parlament gesprochen wurde. Die sogenannten parlamentarischen Materialien bestehen aber nicht nur aus den Sitzungsprotokollen, sondern auch den Regierungsvorlagen, den  Anträgen, den Ausschussberichten, Berichten, die dem Nationalrat und dem Bundesrat vorgelegt werden. Hier findet man eben vom Reichstag beginnend von 1848 bis zur letzten Sitzung jedes Dokument als ausgedrucktes oder gedrucktes Dokument.

Wie viele Bücher gibt’s in der Parlamentsbibliothek?

Die Büchersammlung der Parlamentsbibliothek beträgt zurzeit etwa 330 000 Bände. Das bedeutet, dass seit 1869, seit der Gründung der Bibliothek, eine Sammlung zum Parlamentarismus aufgebaut wurde, die zumindest in Österreich ganz einzigartig ist. Es hat schwierige Zeiten gegeben. So war zum Beispiel das Parlamentsgebäude im ersten Weltkrieg Lazarett. Wir wissen durch die zeitgeschichtliche Forschung, dass 1933 der Parlamentarismus beendet wurde und erst nach 1945 wieder aufgebaut wurde. Selbst in diesen Zeiten hat die Büchersammlung überlebt.

Was genau macht der EU- und Internationale Dienst?

Der EU- und Internationale Dienst bereitet alle internationalen Termine des Parlaments vor. Abgeordnete und Bundesräte treffen sich oft im Ausland zu Gesprächen mit anderen Politikern. Das wird von uns vorbereitet und betreut. Das gleiche gilt für ausländische Besuche bei uns im Parlament in Wien.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Eigentlich beginnt der schon zu Hause, indem ich mir sehr regelmäßig das Morgenjournal anhöre, denn es ist wichtig für eine politische Bibliothek, am Puls der Zeit zu sein. Und wenn ich zum Beispiel am Morgen höre, dass irgendwo auf der Welt Unruhe ausgebrochen ist oder dass im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ein Kandidat oder eine Kandidatin nominiert wurde, dann müssen wir uns immer überlegen: „Gibt es Literatur zu dieser Person, gibt  es Literatur zu diesem Ereignis?“ Das geht natürlich nur, wenn man sehr lange an einer Bibliothek tätig ist. Dann kennt man die BenutzerInnen, ihr Anforderungsprofil, und kann das einfließen lassen. Denn die Buchproduktion ist enorm. Wir bedienen uns zum Beispiel einer Datenbank, die uns all die Bücher, die im deutschsprachigen Bereich auf dem Markt sind, anbietet. In dieser Datenbank sind 1 200 000 (eine Million zweihunderttausend!)Titel. Das bedeutet, wir müssen sehr genau aus dieser Fülle von über 1 000 000 Titeln aussuchen, was wir hier vor Ort haben wollen. Und das bedeutet, man muss eben seine BenutzerInnen sehr gut kennen, beobachten, mit ihnen sprechen und sich auch Tipps geben lassen, um dann eine Auswahl zu treffen, die auch angenommen wird.

Was ist das wertvollste Dokument in der Parlamentsbibliothek?

Die Parlamentsbibliothek hat vom Reichsgesetzblatt angefangen bis zum Bundesgesetzblatt alles lückenlos im Bestand. Auch diese Materialien sind fast zu 100% digitalisiert. Unser wertvollstes Objekt ist eine Verfassungsurkunde: das Februarpatent aus dem Jahre 1861, von der die Parlamentsbibliothek eine wunderschöne Ausgabe besitzt, denn damals hat es ja noch keine Kopierer gegeben. Es musste diese schöne Originalurkunde weitgehend handschriftlich reproduziert werden. Damals hat man ähnlich wie in der Buchmalerei des Mittelalters dann die Anfangsbuchstaben einer Seite ganz besonders gestaltet. Das sind etwa zwölf Seiten, in denen der damalige Kaiser die Einrichtung eines Reichsrates genehmigt.

Welche Rolle spielt der Computer in der Parlamentsbibliothek?

Digitalisierung ist ein ganz wichtiges Thema für Bibliotheken, denn Bibliotheken haben meist sehr kostbare oder schützenswerte Materialien. Dazu gehören Zeitungen. Das Zeitungspapier ist ursprünglich ein sehr einfaches. Es würde durch häufiges Blättern und durch Kopieren kaputt werden. Was macht man? Man hat ein Verfahren gefunden, das Scannen, wodurch man die Originalzeitung einmal durch eine Maschine laufen lässt, belichtet, qualitativ sehr schön wiedergibt, aber dann eben als Datenbank über den PC zur Verfügung stellt. Also die Suche in einer Zeitung wird sehr erleichtert.

Was finden Sie an Ihrer Arbeit besonders toll?

Meine Arbeit bringt auch sehr viel Kontakt mit den BibliothekarInnen und InformationsspezialistInnen in anderen Parlamenten. Ein besonders enges Netzwerk verbindet die europäischen Parlamentsbibliotheken. Das bedeutet, ich habe sehr viel Kontakt über E-Mail mit meinen KollegInnen und meistens ist es möglich, sich einmal im Jahr auch persönlich zu treffen. Im Mai 2008 haben wir ein Seminar in Wien veranstaltet. Da sind 71 KollegInnen aus anderen europäischen Parlamenten gekommen. Es war eine Herausforderung, aber es war auch 2 Tage lang die Gelegenheit, einen ganz persönlichen Austausch über Fragen des Bibliotheksmanagements, über Fragen der Digitalisierung, über die Strukturen von Parlamentsbibliotheken hier in Wien abzuhalten. 

Wie kann ich Dinge in der Parlamentsbibliothek von zu Hause aus finden?

Ein Höhepunkt meiner Arbeit war zweifellos die Kooperation mit der österreichischen Nationalbibliothek, die 2003 begonnen hat, historische Zeitungen zu digitalisieren. Das heißt,  die BenutzerInnen sind nicht gezwungen, zu bestimmten Öffnungszeiten in die Bibliothek zu kommen, dort einen schweren Band zu lesen, sondern sie können heute über einen Internetzugang völlig kostenfrei alle schon von uns digitalisierten Zeitungen einsehen. Das sind immerhin nach 5 Jahren intensiver Arbeit bereits mehr 4 000 000 (vier Millionen!) Seiten.

Was ist das älteste Werk in der Parlamentsbibliothek?

Wenn ich davon ausgehe, dass diese Datenbanken, die wir hier benutzen, eigentlich  Teil unserer Informationslandschaft sind, müsste ich jeden Tag recherchieren, welches ist eigentlich das älteste Werk, das dort angeboten wird. Das ist gleichzeitig das Älteste, das ich hier den BenutzerInnen auch zur Verfügung stellen kann.  Man weiß natürlich, dass die älteste Tageszeitung in Österreich 1703 zu erscheinen begonnen hat, wobei man sich dann natürlich überlegen muss, ob zum Beispiel die damals verwendete Schrift für einen heutigen Leser noch lesbar ist.

Was muss jemand machen, der oder die in der Parlamentsbibliothek arbeitet?

Die Auswahl der Literatur, die Katalogisierung und zwar formal und inhaltlich. Es ist ganz wichtig, dass unsere Bücher alle aber auch ordentlich signiert sind, denn wir wollen sie ja auch nicht nur zur Verfügung stellen, sondern dann auch wieder zurück bekommen. Wir brauchen Menschen, die sehr genau arbeiten. Denn ein Buch, das falsch ins Regal gestellt wird, ist möglicherweise für Jahre verloren,  Jedenfalls müssen Menschen, die hier arbeiten diese Schatzkammer des Wissens öffnen wollen.

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gedruckt am: Freitag, 13. September 2019