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Kommentar zu den Gesetzen von der Armutsforscherin Fr. Ursula Till-Tentschert vom Institut für Soziologie; Universität Wien:

Es ist eine große Herausforderung für die Politik, aber auch für Expertinnen und Experten, wirksame Maßnahmen und Gesetze zur Bekämpfung von Kinderarmut zu erlassen. Das Hauptproblem ist, dass Armut kein Merkmal ist, wie zum Beispiel Alter oder Geschlecht. Es ist leichter zu sagen, ich möchte, dass alle Kinder schreiben und lesen lernen, und daher dürfen sie kostenlos zur Schule gehen. Als Kind bezeichne ich alle Kinder in Österreich unter 15 Jahre, und die dürfen jetzt in die Schule gehen.

Aber viel schwieriger ist, festzulegen, ab wann jemand „arm“ ist: Geld ist natürlich ein wichtiger Punkt, aber es ist gar nicht so leicht zu sagen, wie viel Geld notwendig ist, um nicht arm zu sein. Manche der eingereichten Vorschläge haben 1.000 Euro im Monat vorgeschlagen. Aber wenn ich viel Geld für die Miete oder den Kauf einer Wohnung ausgeben muss, bleiben von 1.000 Euro nicht mehr genug zum Leben übrig. Habe ich hingegen meine Wohnung von den Großeltern geerbt und muss nur mehr Strom und Heizung bezahlen, dann bleibt mir viel mehr Geld übrig. Wie viel Geld eine Familie braucht, hängt also von den Ausgaben ab, die sie im Monat hat, und ganz wichtig, davon, wie viele Kinder und Erwachsene im Haushalt leben. Unterstützungen für Familien, aber auch für Wohnen und für jedes Kind sind daher sehr wichtig.

Nicht so gut finde ich Gesetzesvorschläge, die als Strafe die Streichung der Unterstützung vorsehen, wenn das Geld nicht verantwortungsvoll ausgegeben wird. Weil das trifft dann wieder die Kinder. Besser finde ich es, wenn diesen Familien gezeigt wird, wie sie mit dem wenigen Geld, das sie haben, auskommen können.

Vorschläge, dass alle Kinder ein Hobby ausüben dürfen oder am Schikurs teilnehmen können finde ich sehr gut. Weil wenn sie nie daran teilnehmen können, haben sie wieder weniger Freunde, werden schneller von anderen Kindern ausgeschlossen. Es kann aber für ein Kind und seine Familie sehr unangenehm sein, nachweisen zu müssen, dass sie „arm“ sind, um eine Unterstützung zu bekommen. Manche Eltern möchten nicht zugeben, dass sie Hilfe brauchen, und finden einen Vorwand, warum ihr Kind nicht auf den Schikurs„mitfahren kann“. Daher wäre es gut, wenn Angebote in der Schule für alle Kinder kostenlos sind, dann fällt es auch nicht auf, wer „arm“ und „nicht arm“ ist.

Kinder fühlen sich oft erst arm, wenn sie ausgeschlossen werden, weil sie „anders“ sind und sich manche Sachen nicht leisten können. Das heißt, wir alle können dazu beitragen, das Gefühl von Armut ein wenig zu reduzieren, wenn wir Sachen, die Geld kosten, aber nicht unbedingt notwendig sind, weniger wichtig nehmen. Damit meine ich, wenn es egal ist, ob ein Kind neue Schuhe oder einen Gameboy besitzt, dann haben wir auch ein bisschen weniger die Unterscheidung von „Arm“ und „Nicht Arm“.

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gedruckt am: Sonntag, 23. Juli 2017