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Interview mit Historiker Stefan Karner

Stefan Karner lehrt Geschichte an der Uni Graz und leitet das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte sowie das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Sowjetunion und der Prager Frühling.

Wir haben mit ihm im Dezember 2017 über den Prager Frühling und das Jahr 1968 gesprochen.

Wie würden Sie einem Kind in wenigen Sätzen die historische Bedeutung des „Prager Frühlings“ erklären?

Zwei Nachbarvölker Österreichs, die Tschechen und Slowaken, wollten Freiheit. Sie wollten nicht mehr unter der Knute einer Diktatur sein. Die Menschen wollten nicht mehr das tun, was man ihnen vorgeschrieben, befohlen hat. Sie wollten selber entscheiden, wohin sie in den Urlaub fahren, welches Fernsehprogramm sie ansehen, welche Filme sie sehen und welche Musik sie hören. Das alles wurde ihnen im Kommunismus verwehrt, verboten. Und als sie es doch durchsetzten, kamen sowjetische Panzer und zerstörten das bisschen Freiheit, das sich die Menschen erkämpft hatten.

Wie würden Sie die Situation Österreichs im Jahr 1968 beschreiben?

Österreich sah als Nachbar mit großer Sorge, was hinter der Grenze geschah. Und als Tausende aus der Tschechoslowakei hierher zu uns flüchteten, nahm man sie gerne auf, gab ihnen Unterkunft und Verpflegung. Das Bundesheer schickte man ebenso an die Grenze, einfach um uns zu schützen. Schließlich bestand ja die Gefahr, dass die Panzer der Sowjetunion und anderer Staaten auch nach Österreich eindringen. Vorsichtshalber hatte man allerdings die Soldaten ein paar Kilometer von der Grenze entfernt aufgestellt, um keine Schießereien zu provozieren.

Was sind ihre persönlichen Erinnerungen an das Jahr 1968?

Ich war zuhause. Wir verfolgten täglich, ja jede Stunde, was sich tat. Wir hatten damals nur ein Radio, doch die Reportagen waren so gut, dass man sich genau vorstellen konnte, was sich da abspielte. Die Angst war bei allen vorhanden. Auch bei uns Kindern.

Welche Rolle spielte der Prager Frühling für die „Samtene Revolution“ im Jahre 1989?

Er spielte eine große Rolle. Das Pflänzchen des Widerstands gegen das kommunistische Regime, der Zipfel der Freiheit, den man bekommen hatte, blieb in der Erinnerung. Und diese war hellwach. Man sah, einmal würde es möglich sein. Der Prager Frühling ist die Keimzelle für den Untergang der Unfreiheit in Mittelost-Europa.

Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen im Jahr 1968 für unser Leben heute?

Wir müssen täglich für die Demokratie kämpfen. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir in Österreich in Freiheit leben dürfen. Wir können selbst die Schule aussuchen, uns entscheiden, wohin und wann wir wegfahren, in viele Länder schon ohne Pass reisen und selbst entscheiden, welchen Beruf wir einmal wählen. Wir können in Freiheit wählen und tragen selber Verantwortung für das, was wir tun und niemand macht uns politische Vorschriften.

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gedruckt am: Sonntag, 22. Juli 2018