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Lage der Bevölkerung nach Kriegsende

Die Bilanz des Zweiten Weltkriegs war verheerend: Über 60 Millionen Todesopfer weltweit, unzählige Menschen, die verwundet und traumatisiert waren. Viele Menschen hatten ihr Zuhause verloren. Millionen von Soldaten waren vermisst oder in Kriegsgefangenschaft geraten. Viele Städte und Häuser waren zerstört. Mehr als sechs Millionen europäische Juden und Jüdinnen waren dem Holocaust zum Opfer gefallen. Nichts war mehr so, wie es vorher war. 

Im folgenden Abschnitt wird die Lage der Zivilbevölkerung im heutigen Deutschland und Österreich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieben.

Kampf ums Überleben

Die ersten Jahre nach dem Krieg waren für die Menschen ein ständiger Kampf ums Überleben. Weil viele Häuser zerstört waren, wohnten sie in Kellern und Baracken. Um sich zu versorgen, bauten sie in den Parks Gemüse an und sammelten Brennholz im Wald. Sie fuhren aufs Land, um ihre verbliebenen Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. (Siehe Rubrik „Wusstest du, dass …) Es waren vor allem Frauen, die ihre Familien versorgen mussten.

Aufräumarbeiten und Wiederaufbau

Vor allem in den Städten mussten die Straßen und Häuser vom Schutt befreit werden. Diese Arbeit galt als Strafarbeit. Dazu wurden vor allem ehemalige Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und deutsche Kriegsgefangene eingesetzt. Es gab auch eine kleinere Gruppe von Frauen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt war: Sie waren Mitglieder in der NSDAP oder arbeiteten als Freiwillige für einen geringen Lohn. Der Großteil der Trümmer wurde von Männern und Maschinen beseitigt. Der Mythos der „Trümmerfrauen“, die die Städte vom Schutt befreiten, entstand erst später.

Mehr über das Leben der Menschen in der Nachkriegszeit in Österreich erfährst du in unserem Thema „Der Staatsvertrag“.

Kriegsgefangene und Menschen auf der Flucht

Der Zweite Weltkrieg hatte viele Menschen weit von ihrer Heimat weggeführt. Viele Soldaten kehrten erst Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Viele Angehörige deutscher Minderheiten waren vor den sowjetischen Truppen aus den Ostgebieten Richtung Westen geflohen. Sie suchten im verbliebenen deutschen Territorium eine neue Heimat. Gleichzeitig gab es viele Menschen, die den Weltkrieg als Gefangene, ZwangsarbeiterInnen oder KZ-Häftlinge überlebt hatten. Nicht alle von ihnen wollten oder konnten in ihre Heimat zurückkehren.

Menschen tragen gesammeltes Brennholz © ÖNB Usis
Führende Nationalsozialisten auf der Anklagebank beim Nürnberger Prozess. © ÖNB

„Wusstest du, dass…“
… nach dem Krieg Stahlhelme als Siebe und Töpfe genutzt und Eierhandgranaten als Spielzeug verwendet wurden?
… viele Menschen aus den Städten auf das Land fuhren, um zum Beispiel Schmuck gegen Butter, Speck und Kartoffeln einzutauschen? 

Entnazifizierung in Österreich

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollten die Menschen in Deutschland und Österreich „entnazifiziert“ werden.

Die provisorische österreichische Regierung beschloss bereits im Mai 1945 ein Gesetz, mit dem die NSDAP verboten wurde („Verbotsgesetz“). Dabei wurde zwischen „illegalen“ NationalsozialistInnen (die bereits vor der Annexion 1938 Mitglied waren) und „nicht-illegalen“ NationalsozialistInnen unterschieden. Später wurde zwischen „belasteten“ und „minderbelasteten“ Personen klassifiziert. Von den ca. 500.000 NSDAP-Mitgliedern verloren 170.000 ihre Arbeitsplätze, vor allem im öffentlichen Dienst. 130.000 Fälle wurden gerichtlich verfolgt. Im Jahr 1948 wurden alle „minderbelasteten“ Mitglieder amnestiert.

Um in der Bevölkerung mehr Bewusstsein für ein demokratisches System zu schaffen, gab es auch Maßnahmen im Bildungs- und Kulturbereich. Mit dem Beginn des Kalten Krieges rückte die „Entnazifizierung“ jedoch in den Hintergrund.

Mehr zu diesem Thema findest du im Schwerpunktthema „Der Staatsvertrag“.

Entnazifizierung in Deutschland

In Deutschland wurde ebenso wie in Österreich die NSDAP verboten und nationalsozialistische Gesetze aufgehoben. Die „Spuren“ des Nationalsozialismus im täglichen Leben wurden größtenteils entfernt, zum Beispiel Straßenschilder.

Je nach Besatzungszone verlief die Entnazifizierung sehr unterschiedlich. In der sowjetischen Zone wurden viele Personen aus öffentlichen Ämtern entlassen. Ehemalige Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten sowie politische Gegner der sowjetischen Besatzung wurden inhaftiert.

In der US-amerikanischen Besatzungszone wurden „Hauptschuldige“ inhaftiert, viele andere aus ihren Positionen entlassen. Insgesamt wurde nur eine kleine Gruppe an Menschen verurteilt und bestraft, viele wurden amnestiert. In der französischen und britischen Besatzungszone wurden weniger Verfahren zur Entnazifizierung durchgeführt.

Neben der „Entnazifizierung“ wollten die Alliierten auch ein Bewusstsein für ein demokratisches System in der deutschen Bevölkerung entwickeln. Dazu wurde zum Beispiel das Bildungssystem reformiert, Massenmedien wie Zeitung und Rundfunk unter alliierter Kontrolle neu aufgebaut.

Die Nürnberger Prozesse

Gleich nach dem Kriegsende wurden führende Nationalsozialisten inhaftiert. Im November 1945 begann am internationalen Militärgerichtshof der erste der Nürnberger Prozesse. 12 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, 11 davon wurden hingerichtet. Hermann Göring nahm sich vor der Hinrichtung das Leben. Weitere Angeklagte erhielten lange Haftstrafen. Bis 1949 fanden weitere zwölf Prozesse gegen führende Nationalsozialisten statt, insgesamt 142 Menschen wurden zu Haftstrafen oder zum Tode verurteilt.

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-der-zweite-weltkrieg/folgen-des-zweiten-weltkrieges/lage-der-bevoelkerung-nach-kriegsende/
gedruckt am: Dienstag, 10. Dezember 2019