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Interview mit Christoph Pinter, UNHCR Österreich

Christoph Pinter leitet seit 2011 das Österreich-Büro des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Er hat Rechtswissenschaft an der Karl-Franzens Uni in Graz studiert und ist dort auch als Lehrbeauftragter tätig. Wir haben mit ihm im Dezember 2016 über das Thema „Flucht, Migration und Integration“gesprochen.

Wie würden Sie einem Kind Ihre Tätigkeit in wenigen Sätzen beschreiben?

Meine Arbeit bei UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der UNO, dreht sich um den Schutz von Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten und die in Österreich Sicherheit (Asyl) suchen. Kein Arbeitstag ist wie der andere, langweilig wird es nie, vor allem, weil ich mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Organisationen zusammenarbeite. Gemeinsam mit meinen KollegInnen beschäftige ich mich zum Beispiel mit dem Asylverfahren (das ist das Verfahren, in dem eine Behörde prüft, ob Menschen in Österreich Schutz bekommen) oder mit den Lebensbedingungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Österreich.

Wo wurden Sie das erste Mal mit dem Thema „Flucht“ konfrontiert und welche Erinnerungen verbinden sie damit?

Als erstes fällt mir meine Oma ein, die mir als Kind öfters von der Zeit während des Zweiten Weltkriegs erzählt hat. Mein Opa ist im Krieg gestorben und meine Oma musste mit ihren beiden Kindern, meiner Mama und meinem Onkel, vor den einmarschierenden Soldaten flüchten. Besonders beeindruckt haben mich auch die Bilder vom Fall der Berliner Mauer Ende der 1980er Jahre. Damals war ich noch in der Schule und Europa war durch den „Eisernen Vorhang“ getrennt. Mauern und Zäune haben die Grenzen zwischen „Ost“ und „West“ gesichert. Familien und Freunde waren für Jahre auseinandergerissen. Viele Menschen sind bei ihrer Flucht vom Osten in den Westen gestorben. Die Freude über die neu gewonnene Freiheit auf den Gesichtern der Menschen hab ich noch heute in Erinnerung. Damals sind Zäune gefallen, heute bauen wir sie leider wieder auf.

Wie hat sich der Umgang mit geflohenen Menschen und MigrantInnen in Österreich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?

Im Umgang mit geflüchteten Menschen gab es in den vergangenen Jahrzehnten viele Hochs und Tiefs. Einiges hat sich verbessert. Zum Beispiel bekommen Asylsuchende eine so genannte Grundversorgung und müssen während des Asylverfahrens nicht mehr obdachlos sein, wie es in den 1990er Jahren oft der Fall war. Besonders beeindruckend ist das anhaltende Engagement der Menschen in Österreich. Das ist 2015 ganz besonders sichtbar geworden. Diese Initiativen haben auf eigene Faust viel geschaffen. Sie haben zum Beispiel Unterkünfte und Deutschkurse organisiert und leisten hier nach wie vor Unglaubliches. In der letzten Zeit, 2015 und 2016, kam es aber auch zu weiteren Verschärfungen der Gesetze, die Flüchtlinge und Asylsuchende betreffen. Vieles, das in der Vergangenheit erreicht wurde, wurde damit wieder zunichte gemacht.

Was sind Ihre Wünsche für ein besseres Miteinander zwischen Menschen verschiedener Herkunft in Österreich?

Respekt und Offenheit sind wichtige Zutaten für ein gelungenes Zusammenleben. Das ist oft leichter gesagt, als getan. Aber jede und jeder von uns hat in der Hand, ob es auch gelingt. Es ist wichtig, sich sein eigenes Bild zu machen und andere, die vielleicht anders aussehen oder aus einem anderen Land kommen, nicht als Gefahr zu betrachten.

Was würden sie im Bereich „Migration und Integration“ verändern, wenn sie für einen Tag alle Möglichkeiten dazu hätten?

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Das sind in etwa so viele Menschen, wie in ganz Frankreich leben. Sie flüchten vor Kriegen und Konflikten. Bei ihrer Suche nach Schutz sollten sie nicht ihr Leben in wackeligen Booten auf dem Mittelmeer oder in LKWs riskieren müssen. Es sollte für alle Menschen möglich sein, auf sicherem Wege in andere Länder zu gelangen und dort Schutz zu finden. Derzeit sind es nur wenige Staaten, die den Großteil der Flüchtlinge aufnehmen. Hier wäre aber mehr Solidarität wichtig, alle sollten helfen.

Was können Kinder und Jugendliche in Österreich tun, um geflüchteten Menschen zu helfen?

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, aktiv zu werden. Oft ist es ganz einfach im eigenen Umfeld möglich, in der Schule zum Beispiel. Wenn Kinder neu in eine Klasse kommen, ist das nie eine einfache Situation. Besonders, wenn man die Sprache noch nicht gut kann. Hier helfen schon Kleinigkeiten, damit sich der oder die andere wohler fühlt, zum Beispiel ein Lächeln. Aber auch alltägliche Dinge, wie nach der Schule etwas gemeinsam zu unternehmen, die Hausaufgaben zusammen zu machen oder beim Deutsch lernen zu helfen, sind eine große Hilfe.

Zum Thema „Migration, Integration, Asyl“ haben wir bereits im Juni 2011 ein Interview mit Herrn Helmut Sax vom Ludwig-Boltzmann-Institut geführt. Die Fragen und Antworten dazu gibt es hier.

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-flucht-migration-und-integration/interview-mit-christoph-pinter-unhcr-oesterreich/
gedruckt am: Samstag, 21. Oktober 2017