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Nachgefragt!

Wie wird man eigentlich KünstlerIn und worauf kommt es bei einem Kunstwerk an? Dazu haben wir die österreichische Künstlerin Mag. Dr. Jeanette Müller im DemokratieWEBstatt-Interview im November 2011 befragt:  

Wolltest du schon immer Künstlerin werden?
Ich weiß es nicht, weil ich die Frage „Was willst du werden?“ nicht verstanden habe und deshalb nicht darüber nachgedacht habe, was ich „werden will“. Ich dachte immer: „Warum etwas werden müssen?“ Ich war wütend auf die Frage. War ich nicht schon als Kind wer? Sind Berufe das wichtigste, um „jemand zu sein“? Ich fand, und finde, das nicht!

Wie wird man Künstlerin oder Künstler?

Ich glaube so: Wenn man die vielen Bilder und Fragen und Ideen und Eindrücke, die man so hat, wichtig nimmt und Lust hat, sie mit anderen zu teilen.

Woher bekommen KünstlerInnen eigentlich Ihre Ideen?

Von anderen Menschen, von Erinnerungen und Sehnsüchten, vom neugierig sein; wenn das Hirn einfach vor sich hin denken darf, mit einem Wunsch, aber ohne klares Ziel; von anderen Werken, von der Natur, der Wissenschaft, der Literatur, vom Filme schauen, vom Fernsehen, Internet, Büchern, vom Reisen, vom daheim sein, vom zusammen mit anderen sein, mit Menschen reden, träumen und blödeln;

Wie wichtig ist es für Künstlerinnen und Künstler, dass die Leute ihre Kunstwerke schön finden?
Wahrscheinlich genau so wichtig, wie einer Programmiererin, dass ihr neues Spiel gut ankommt, oder einem Bäcker, dass sein Kuchen schmeckt. Ich denke, alle Menschen möchten gerne Anerkennung und Aufmerksamkeit. Dass Leute ein Kunstwerk „schön“ finden ist vielleicht weniger wichtig, aber dass sie es wahrnehmen und sich dafür interessieren und damit auseinandersetzen oder es kaufen – das ist meiner Erfahrung nach eigentlich allen KünstlerInnen wichtig. Alle mögen und brauchen Wertschätzung.

Welches ist dein Lieblingskunstwerk und warum?

Die Arbeit von Marina Abramovic „the artist is present“, die ich im Frühling durch Zufall und Glück in New York gesehen habe. die Künstlerin sitzt einfach im Museum of Modern Art (=Museum für moderne Kunst) auf einem Stuhl – ganz ruhig, schlicht, aber märchenhaft gekleidet, in einem bodenlangen Kleid. Sie schaut sehr schön aus – und sehr zeitlos. Sie ist um die 60 Jahre alt, doch sie könnte auch ein junges Mädchen sein – so schaut sie aus. Sie sitzt einfach da und wartet darauf, dass sich ein/e BesucherIn ihr gegenüber setzt. Dann schauen sich die beiden Menschen einfach an. Ohne Worte, ohne sich zu kennen, ohne Gemeinsamkeiten, außer dass sie genau diese Minuten miteinander teilen und sich einfach ansehen. Manche Menschen haben gelächelt, gelacht, manche waren sehr ernst, manche begannen zu weinen.
Ich finde dabei wird der Zauber der menschlichen Begegnung und der Gegenwart und der Liebe in den Mittelpunkt gestellt und ganz ohne Mühe gezeigt, wie verschieden und doch wie ähnlich und wie schön und wertvoll wir alle sind und deshalb ist es mein Lieblingskunstwerk.     

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gedruckt am: Samstag, 21. Oktober 2017