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Sprache(n) im Parlament

Die Grenzen Österreichs waren nicht immer so, wie wir sie heute kennen. Vor knapp 100 Jahren gehörte das Gebiet, das heute Österreich ist, noch zu einem so genannten Vielvölkerstaat, nämlich der österreichisch-ungarischen Monarchie. In einem Staat, der sich aus vielen verschiedenen Völkern zusammensetzt, werden auch viele Sprachen gesprochen. Einige von ihnen werden in Österreich auch heute noch gesprochen.

Im damaligen Abgeordnetenhaus (Parlament) waren diese vielen Sprachen ebenfalls vertreten. 1907 saßen 516 Abgeordnete im Parlament, darunter waren Deutsche, Tschechen, Polen, Slowenen, Kroaten, Ruthenen (Ruthenen sind Menschen aus der heutigen Ukraine), Rumänen und Italiener!

Bei diesem Sprachengewirr im Parlament war es bestimmt gar nicht so einfach, sich zu verständigen und gemeinsame Gesetze zu beschließen.

Damals wurden zwar einige Abstimmungsformeln in die Hauptsprachen übersetzt und verlesen, jene Sprache, in der Verhandlungen geführt wurden, war aber Deutsch. 

Die unterschiedlichen Sprachen führten sicherlich auch zu einigen Missverständnissen und Streitereien zwischen den Abgeordneten des Vielvölkerstaates Österreich. Es gibt sogar Berichte, dass sie sich im Parlament manchmal mit Tintenfässern beworfen oder mit Musikinstrumenten die Sitzungen gestört haben!

  • Streit im Historischen Sitzungssaal

    Der Klub der Jung-Czechen versucht am 8. Juni 1900, Verhandlungen im österreichischen Reichsrat durch ausgiebiges Lärmen zu stören.

  • Mitschrift einer Sitzung des Abgeordnetenhauses aus dem Jahr 1861.

    Dort waren die verschiedenen Sprachen des Vielvölkerstaates vertreten.

  • Das Protokoll in moderner Schrift

    Nicht alle Abgeordneten verstanden die deutsche Sprache. Davon handelt auch das Protokoll.

Auszug aus Gesetzestext über die Leistungsbeurteilung in den Neuen Mittelschulen aus dem Jahr 2012 © Bundeskanzleramt

Streitereien im Parlament gibt es natürlich auch heute noch manchmal (wenn auch ohne Tintenfässer oder Musikinstrumente). Umso wichtiger ist es, dass die Gesetze, die im Parlament diskutiert und beschlossen werden sollen, in einer ganz genauen Sprache geschrieben sind, sodass möglichst wenige Missverständnisse entstehen können.

Gesetze werden deshalb von JuristInnen in juristischer Fachsprache geschrieben (JuristInnen sind zum Beispiel RechtsanwältInnen, StaatsanwältInnen und RichterInnen). Diese Fachsprache ist ziemlich genau, allerdings (für Nicht-JuristInnen) nicht ganz einfach zu verstehen (siehe Beispiel rechts). Deshalb gibt es im Parlament Expertinnen und Experten, die bei der Übersetzung der Gesetze beziehungsweise der Gesetzesvorschläge helfen. 

Nachgefragt: Wie viel beträgt die maximale Redezeit eines/r Abgeordneten bei einer Nationalratssitzung?

Im Parlament darf man nicht einfach "darauf los reden", die Reihenfolge der Reden und die Redezeit für die Abgeordneten ist genau festgelegt. Eine Rede darf höchstens 20 Minuten dauern. Zumeist schöpfen die Abgeordneten aber nicht die volle Zeit aus. Eine Minute vor Ende der geplanten Redezeit beginnt ein rotes Licht am RednerInnenpult zu leuchten. 

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gedruckt am: Freitag, 22. September 2017