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Interview mit einer Expertin: Geht Wirtschaft wirklich alle etwas an?

Portrait von Ulrike Schneider
Foto © Stephan Huger

Ulrike Schneider ist Professorin für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Und vielleicht hast du es jetzt schon vermutet, sie ist eine wahre Expertin für Wirtschaft.

Wir haben ihr im März 2011 ein paar sehr knifflige Fragen zur Wirtschaft in Österreich und in der Welt gestellt und sehr aufschlussreiche Antworten bekommen.

Sind wir wirklich alle Teile der Wirtschaft? Kann man auch nicht „mittun“ bei der Wirtschaft? 

Wirtschaft kommt von „wirtschaften“. Wir wirtschaften, weil es Knappheit gibt:  Die meisten Dinge, die wir brauchen, oder die wir uns wünschen, sind für uns nicht jederzeit und ohne Gegenleistung zu bekommen. Darum müssen wir alle unsere knappe Zeit, unser begrenztes Geld und unsere Fähigkeiten klug für die Aktivitäten oder Güter einsetzen, die uns wichtig sind. In diesem Sinn wirtschaftet jede und jeder von uns jeden Tag und zwar oft gemeinsam mit anderen (z.B. in unseren Familien). Daher sind wir auch alle Teile der Wirtschaft.
Es gibt viele Ideen und Lösungen der Menschen, wie sie Knappheit vermindern. Dazu gehören moderne Fabriken, in denen rasch und massenhaft Güter hergestellt werden, die wir alle haben möchten. Auch Regeln darüber, wer über Güter bestimmen darf (so genannte Eigentums- und Nutzungsrechte) sind eine Antwort auf Knappheit.
Um möglichst viele und gute Güter herzustellen, teilen wir uns die Arbeit mit anderen, damit jeder das tut, was er oder sie am besten kann. Wegen dieser Arbeitsteilung sind wir aufeinander angewiesen und müssen als VerkäuferIn und KäuferIn unsere Waren miteinander tauschen. In unserem Land geschieht dies auf Märkten, wo sich viele AnbieterInnen und NachfragerInnen treffen. Immer wenn wir etwas kaufen oder etwas verkaufen sind wir wirtschaftlich aktiv, denn dann tauschen wir Geld gegen Güter oder Güter gegen Geld.
Kurz gesagt: Zur Wirtschaft gehören alle Menschen, die wirtschaften, und alle Regeln und Lösungen, die sie entwickelt haben, um klug mit Knappheit umzugehen. Knappheit gibt es immer und überall – nicht zu wirtschaften, geht daher gar nicht.

Hat die Wirtschaft eine Krise? Was hilft dagegen?

Von einer Krise spricht man in unserer Wirtschaft, wenn auf vielen Märkten gleichzeitig (und über längere Zeit) die AnbieterInnen von Gütern nicht genügend AbnehmerInnen finden. Dann verdienen sie zu wenig und können selbst weniger Güter bei Anderen einkaufen. Dadurch ist in ihrem eigenen Alltag die Knappheit wieder viel stärker zu spüren. Wenn die Krise groß ist, können sich viele Menschen dann zum Beispiel einfache Dinge nicht mehr leisten, z.B. sich neue Kleider zu kaufen.
Krisen gibt es auch einmal auf einzelnen Märkten, aber richtig schlimm wird es, wenn es viele Märkte gibt, auf denen zur gleichen Zeit der Tausch nicht wie gewollt klappt. Eine schwere Krise zeigt sich dann auch auf dem Arbeitsmarkt. Auf dem Arbeitsmarkt bieten Menschen ihre Arbeitsleistung gegen ein Einkommen an. Wenn viele Menschen gerne gegen Geld arbeiten wollen, es aber zu wenige Unternehmen gibt, die diese Arbeit einkaufen, dann herrscht große Arbeitslosigkeit. Das ist ein sicheres Zeichen für eine Krise der Wirtschaft.
In Österreich gibt es derzeit zum Glück keine solche allgemeine Wirtschaftskrise. Vor zwei Jahren war es auf vielen Märkten, auch auf dem Arbeitsmarkt, aber sehr schwierig für die Menschen.

Ist die Politik wichtig für die Wirtschaft?

Die Politik ist sehr wichtig für die Wirtschaft. Sie setzt z.B. Regeln und sorgt dafür, dass sie eingehalten werden. Sie achtet auch darauf, dass alle Menschen genug Einkommen erhalten, um davon leben zu können.
Wenn man zum Beispiel auf einem Markt ein Gut verkauft, muss man sich darauf verlassen können, dass der Käufer oder die Käuferin auch eine Gegenleistung bringt.  Wer etwas einkauft, möchte sicher sein, dass er das bekommt, was ihm versprochen wurde. Es muss klar sein, dass jeder nur das verkaufen darf, was ihm gehört. Und es ist auch wichtig, dass wir auf unseren Märkten nicht Güter kaufen und verkaufen, die nicht gut für uns sind (z.B. Drogen). Die Politik hat die Aufgabe, all das über Gesetze zu regeln. Die Politik tut für die Wirtschaft ein wenig das, was Ampeln und Verkehrsschilder für den Straßenverkehr tun.
In unserer Wirtschaft, bei der auf Märkten frei getauscht werden kann, gibt es ein großes Problem: Alle, die nichts zum Verkauf anbieten können, kommen im Gegenzug auch nicht zu anderen Gütern. Sie gehen leer aus. Das betrifft zum Beispiel sehr kranke Menschen oder ältere Menschen. Die Politik sorgt dafür, dass diese Menschen trotzdem das erhalten, was sie zum Leben brauchen. Dazu hebt sie Steuern ein. Aus den Steuereinnahmen werden dann jene versorgt, die sich nicht (oder nicht so einfach) am Marktgeschehen beteiligen können.

Ist die Wirtschaft überall auf der Welt gleich? Warum ist die Arbeit in manchen Ländern billiger?

Die Wirtschaften unterschiedlicher Länder unterscheiden sich mal mehr und mal weniger. Das liegt daran, dass die Gesellschaften sich (über die PolitikerInnen) jeweils unterschiedliche Regeln für wirtschaftliches Handeln setzen. Die Regierungen bemühen sich auch nicht alle in gleicher Weise um kranke, ältere oder arme Menschen.
In unserer Wirtschaft ist es selbstverständlich, dass jede und jeder für sich selbst plant, wie viel sie oder er arbeiten möchte, welche Arbeit sie oder er annimmt, welche Güter sie oder er produziert usw.  Allerdings muss jede und jeder dann auch selbst versuchen, diese Pläne auf den Märkten umzusetzen. Man nennt das Marktwirtschaft. Bei uns wird auch viel Wert darauf gelegt, dass wir ein gutes Sozialsystem haben, das uns hilft wenn wir krank, arbeitslos, alt oder arm sind. Das ist dann eine „soziale Marktwirtschaft“.
In manchen Ländern versucht die Regierung viel stärker für alle BürgerInnen zu planen, was gebraucht wird und was hergestellt wird. Das heißt Planwirtschaft. Wichtige Güter, z.B. ganze Fabriken, gehören dann allen gemeinsam.
Verschiedene Länder sind ganz unterschiedlich mit Bodenschätzen, technischem Wissen und auch arbeitsfähigen Menschen ausgestattet. Es gibt Länder, wo das Angebot an Arbeit sehr reichlich ist, weil die Bevölkerung sehr groß und jung ist. Dort konkurrieren Menschen, die Arbeit suchen, am Arbeitsmarkt. Sie unterbieten einander dann bei ihren Lohnforderungen. Das kann ein erster Grund dafür sein, warum die Arbeit dort vergleichsweise billig ist. Ein zweiter Grund ist der, dass die Arbeitszeit von Menschen, die gut ausgebildet sind, teurer ist, als von Menschen ohne besondere Fähigkeiten. Manche Länder verfügen über sehr viel schlecht ausgebildete ArbeitnehmerInnen, die entsprechend wenig verdienen.
Ob eine Stunde Arbeit teuer oder billig ist, hängt auch davon ab, ob die Politik Steuern auf Arbeit einhebt, mit denen dann z.B. Sozialleistungen bezahlt werden können. In Österreich müssen Unternehmen für ihre Beschäftigten Beiträge für die Unfall- und Krankenversicherung abführen. Das macht für sie die Arbeit teurer.

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gedruckt am: Mittwoch, 28. Juni 2017