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Interview mit Benita Ferrero-Waldner

Portrait © Benita Ferrero-Waldner
Portrait © Benita Ferrero-Waldner

Die österreichische Diplomatin Benita Ferrero-Waldner hat eine ganz besondere Verbindung zur UNO: Von 1994 bis 1995 war sie Erste Protokollchefin der Vereinten Nationen in New York. Der UN-Generalsekretär hieß zu diesem Zeitpunkt Boutros Boutros-Ghali. Von 2000 bis 2004 war Benita Ferrero-Waldner Außenministerin von Österreich und anschließend EU-Kommissarin für Außenbeziehungen. Heute ist sie Präsidentin der EU-Lateinamerika-Karibik-Stiftung.

Wir haben sie im Februar 2014 über ihre Arbeit bei der UNO befragt!

Welche Aufgaben hat eine Protokollchefin der Vereinten Nationen?

Eine Protokollchefin hat sehr viele wichtige Aufgaben. Sie organisiert die offiziellen Treffen mit dem UN-Generalsekretär. Alle BotschafterInnen, AußenministerInnen, PremierministerInnen, Staats- und Regierungschefs, die in die UNO kommen, um den UN-Generalsekretär zu sehen, werden zuerst von der Protokollchefin empfangen. Auch offizielle Zeremonien und Veranstaltungen werden von ihr geplant und gestaltet. Ich habe zum Beispiel 1995 die 50-Jahres-Feier der UNO organisiert.

Wie sah ein typischer Tagesablauf als Protokollchefin aus?

Meistens haben wir um 9 Uhr in der Früh mit einer Sitzung begonnen, um die weiteren Aufgaben zu besprechen und zu planen. Ich musste gemeinsam mit meinen Protokolloffizieren Treffen zwischen internationalen Staats- und Regierungschefs vorbereiten und begleiten. Ungefähr um 13 Uhr gab es meist offizielle Mittagessen, und danach wurden wieder Konferenzen abgehalten oder Veranstaltungen organisiert. Am Abend lud der UN-Generalsekretär oft VertreterInnen anderer Länder zu einem offiziellen Abendessen ein, für dessen Ablauf ich auch zuständig war und daran selbstverständlich auch selbst teilnahm.

Erinnern Sie sich an ein ganz besonderes Treffen?

Das vielleicht interessanteste Treffen war mit dem japanischen Kaiserpaar. Bereits bevor das Kaiserpaar in der UNO eingetroffen ist, haben wir den Empfang mehrmals besprochen und geprobt. Als das Kaiserpaar dann angekommen ist, wurde sogar die japanische Weltfriedensglocke geläutet. Ein anderes Mal hat uns auch Papst Johannes Paul II. besucht.

Wie schafft man es, bei heiklen politischen Themen zu vermitteln und Gesprächsbereitschaft herzustellen?

Bei vielen offiziellen Treffen kommen VertreterInnen aus Ländern zusammen, die untereinander verfeindet sind. Dann ist es auch die Aufgabe der Protokollchefin, dafür zu sorgen, dass sich alle wohl und gleichberechtigt fühlen. Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle höflich und ehrlich begegnen können. Ich habe mich immer bemüht, zu allen VertreterInnen gleichermaßen respektvoll und freundlich zu sein, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Zuerst müssen alle Vertrauen zueinander gewinnen. Erst dann kann man sich im Gespräch langsam an die schwierigen politischen Themen herantasten.

Die Vereinten Nationen beschließen viele Abkommen und Verträge (Bekämpfung der Armut, Umweltschutz etc.). Nur wenige davon werden tatsächlich zur Gänze erfüllt oder sie werden immer wieder verschoben. Wie wichtig sind diese UNO-Zielvorgaben für das weltweite Zusammenleben?

Ich finde diese UNO-Zielvorgaben sehr wichtig. Denn, obwohl viele noch nicht ganz oder gar nicht eingehalten werden, sind sie trotzdem gemeinsame Ziele! Die UNO ist die einzige Organisation, die weltweit arbeitet und die auch grundsätzlich ein gutes Ansehen hat und dadurch auch vieles sagen kann. Jeder Staat entscheidet zwar für sich, wie viel er davon umsetzen möchte, aber die UNO beobachtet ihn dabei. Und wenn Ziele nicht erfüllt werden, wird er von der internationalen Gemeinschaft dafür kritisiert – die UNO übt sozusagen eine Art von „Gruppendruck“ auf einzelne Länder aus. 
Als Beispiele möchte ich hier die Todesstrafe oder die Umweltschutzvorgaben anführen. Es gibt immer noch Länder auf der Welt, die die Todesstrafe anwenden – aber es werden langsam weniger bzw. wird sie allmählich weniger oft als Strafe eingesetzt, etwa sogar in China. Manchmal wirkt es so, als ob die UNO-Abkommen gar nicht eingehalten werden, aber die Umsetzung braucht einfach viel Zeit. Die Erfolge kommen langsam, auf der ganzen Welt, und wir müssen dafür Geduld haben.

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gedruckt am: Dienstag, 22. August 2017