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Interview mit den Biobauern Martin Gerhalter und Andrea Scheifinger

Martin Gerhalter und Andrea Scheifinger betreiben als Bergbauern einen Biobauernhof in St. Barbara im Mürztal, Steiermark. Gerhalter hat den heimischen Betrieb im Jahre 1998 übernommen und auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Es ist ein Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung, dazu kommen noch Schafe und Bienen. Der Hof wird als Familienbetrieb geführt, in Spitzenzeiten helfen auch Eltern und Schwiegereltern mit. 

Im Juni 2015 befragten wir die beiden zum Thema Landwirtschaft.

Warum sind Sie Biobauer/Biobäuerin geworden?

Martin Gerhalter: Weil wir in einem Berggebiet wohnen und die Wirtschaftsweise hier auch früher schon so gewesen ist. Nur wird es jetzt „biologische Landwirtschaft“ genannt. Der Hof ist mein Elternhaus, ich bin da sozusagen reingewachsen.

Andrea Scheifinger: Ich glaube, dass biologische Landwirtschaft zu einem großen Teil Einstellungssache ist. Es ist nicht selbstverständlich, nur wenige Bauern im Dorf betreiben biologische Landwirtschaft. Ich bin stolz darauf, dass wir Biobauern sind.

Welche Form der Landwirtschaft betreiben Sie?

M .G.: Wir sind ein reiner Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung, betreiben also eine extensive Landwirtschaft (wenig Vieh, starke Nutzung des Bodens, Anm.). Zusätzlich haben wir Schafe und Bienen. Die Kühe und Kälber werden gemeinsam gehalten und sind von Mitte Mai bis Ende Oktober draußen auf den Wiesen. Wenn die Kälber 10-12 Monate alt sind, werden sie geschlachtet und verarbeitet. Unser Produkt, das wir verkaufen, ist Jungrindfleisch. Zur Fütterung verwenden wir Heu und Silage (Gärfutter aus Gras).

Wie schaut denn Ihr Berufsalltag aus?

M. G.: Dies ist saisonal bedingt: Es gibt Zeiten, wo viel zu tun ist, zum Beispiel im Sommer bei der Heuernte: Da gehe ich um 8 Uhr in der Früh das Gras mähen, danach wird es gewendet, damit es trocknen kann. Nach dem Aufladen und Heimtransport kann das Heu in der Scheune mit Hilfe einer Trocknungsanlage noch nachtrocknen. Dadurch sind wir etwas unabhängiger von der Witterung. Manchmal ist es dann wieder etwas ruhiger, dann sind wir im Wald bei der Forstarbeit. Insgesamt ist es ein bunt gemischtes Programm.

Welche Auswirkungen hatte für Sie der EU-Beitritt?

M. G.: Durch den EU-Beitritt ist der bürokratische Aufwand viel größer geworden. Dadurch, dass es flächenbezogene Förderungen gibt, ist die Luft zum Überleben für die kleineren Bauern relativ dünn. Da müsste ein Umdenken stattfinden, dass Förderungen stärker auf Arbeitskraft oder auf Familienmitglieder ausgerichtet sind und nicht nur auf die reine bewirtschaftete Fläche. Da gut zwei Drittel unserer Flächen Steigungen von über 50% aufweisen, sind sie auch dementsprechend schwer zu bewirtschaften.

Welche Chancen und Herausforderungen bietet für Sie die biologische Landwirtschaft?

M. G.: Ich glaube, dass die biologische Landwirtschaft die ganze Welt ernähren könnte. Wenn man selber einmal Kinder hat und weiß, wo die Lebensmittel herkommen, ist man schon etwas beruhigter. Man hat dann einfach ein besseres Gefühl. Immer mehr Bauern steigen auf biologische Landwirtschaft um, weil die Nachfrage da ist. Unsere Kunden schätzen es, dass sie das Fleisch direkt von uns geliefert bekommen, ohne Zwischenhändler.

Welche Meinung haben Sie zur Agrarpolitik der EU?

M. G.: Das Freihandelsabkommen TTIP sehe ich kritisch: Damit hätten die Konzerne die Politik in der Hand. Wenn man verfolgt, wie Lebensmittelkonzerne mit Bauern umgehen, zum Beispiel in Indien, dann kriegt man fast Angst. Wenn das dann bei uns in Europa auch von großen Konzernen beherrscht wird, geht der Schuss nach hinten los. Ich glaube auch nicht, dass dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden. Nur um unsere Würsteln oder unser Kernöl nach Amerika liefern zu können, zahlt sich das TTIP nicht aus. Käme das TTIP, würden wir Bergbauern mit unseren kleinen Betrieben natürlich ins Hintertreffen geraten.

Was sagen Sie zu Urban Gardening und Foodcooperativen?

M. G.: Ich sehe es positiv, weil die Menschen dadurch wieder mehr Bezug zur Landwirtschaft bekommen und auch verstehen, welche Arbeit dahintersteckt. Sie sehen, dass mehr dazu gehört, als in den Garten zu gehen und zu ernten. Ich glaube auch, dass die Menschen dadurch auch die Arbeit der Bauern wieder mehr wertschätzen. Das Tolle an Foodcooperativen ist sicherlich, dass die Wertschöpfung wieder mehr bei uns Bauern bleibt und nicht unzählige Händler dazwischen sind.

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gedruckt am: Montag, 23. Oktober 2017