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Familie Neuhaus zu dritt auf einem Moped mit Helmen
Foto © Sabita Neuhaus

In welchem Land lebst du? Seit wann lebst du dort? Was machst du dort?

Namaste!
Mein Name ist Sabita. Vor einem Jahr bin ich mit meiner Familie nach Nepal gekommen, wo ich aufgewachsen bin und wir in der Hauptstadt Kathmandu leben. Matheo ist erst 3 Jahre alt, besucht aber bereits die Schule. Mein Mann, Felix, arbeitet mit einheimischen Organisationen, die sich für ein besseres Leben von Frauen und Kindern einsetzen. Viele Mädchen dürfen hier nämlich nicht zur Schule gehen, einige werden sogar schon als Kind verheiratet und viele Kinder müssen schon mit 5 Jahren hart arbeiten.

Welche Herrschaftsform gibt es in diesem Land? Wie schaut Demokratie in diesem Land aus?

Nach einem langen Bürgerkrieg kam es vor 4 Jahren zur "Revolution" und das hinduistische Königreich wurde abgeschafft. Heute gibt es eine „Parlamentarische Demokratie“ mit 330 Abgeordneten. In der Regierung sitzen 22 verschiedene Parteien. Die stimmenstärkste Partei, die Maoistische, ist derzeit nicht in der Regierung. Es gibt eine neue Nationalhymne und eine Versammlung arbeitet gerade an einer neuen Verfassung - es ist also alles im Umbruch.

Wie können die BürgerInnen in deinem Land an der Politik teilhaben? Wie werden BürgerInnen in deinem Land über das politische Geschehen informiert?

Vor allem in der Hauptstadt ist Politik ein Thema. Beim täglichen Dhalbaat (Reis mit Linsen und weiteren Beilagen) diskutieren vor allem Männer die aktuelle Lage. Es gibt eine starke Zivilgesellschaft und politische Jugendorganisationen, die leider oft dazu benutzt werden, um für die Interessen der Erwachsenen zu demonstrieren. Die meisten Politiker sind schon älter und haben einen Vater, Bruder oder gute Freunde, die auch Politiker sind. Die Zeitungen berichten viel über Politik, die Journalisten sind nicht immer gut informiert und haben oft Angst, wenn sie etwas Kritisches schreiben.

Was sind für dich die größten Unterschiede zur Situation in Österreich? Macht sich das auch im Alltag bemerkbar?

Im Gegensatz zu Österreich fällt auf, dass die Leute hier kaum Vorteile aus der Arbeit der Politik sehen. Vor allem am Land gibt es kaum Ärzte und zu wenig Schulen, in der Hauptstadt gibt es gerade jeden Tag 12 Stunden Stromausfall und die Ausstellung einer Geburtsurkunde kann schon ein halbes Jahr dauern. Viele Leute sind von der Politik enttäuscht, weil sie kaum Veränderungen sehen und wollen nicht mehr wählen. In Nepal gibt es keine unerfreulichen, politischen Debatten über Ausländer, dafür mischen sich andere Länder häufig in die Innenpolitik ein.
In vielen Landesteilen, zum Beispiel im Bergland des Himalayas, ist die Politik so weit weg, dass es für die Bewohner ohnehin keine Rolle spielt, welches System gerade besteht oder welche Partei regiert. Wie viele Generationen davor, pflanzen sie Reis oder tragen schwere Lasten über weite Strecken, um zu überleben, besuchen hinduistische oder buddhistische Tempel und freuen sich, wenn es der Familie gut geht.

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gedruckt am: Mittwoch, 28. Juni 2017