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Interview mit Manfred Fischer

Manfred Fischer ist Journalist und Sensibilisierungstrainer. Er ist als freier Mitarbeiter für die Oberösterreichischen Nachrichten tätig und schreibt Reiseberichte für verschiedene Behindertenmagazine. Als Sensibilisierungstrainer informiert er über das Leben behinderter Menschen und versucht, Barrieren in den Köpfen nicht-behinderter Menschen abzubauen. Dazu hält er Vorträge und Workshops. Aufgrund einer Erkrankung benützt Fischer seit 2002 einen Rollstuhl.

Wir haben mit ihm im Dezember 2015 über das Thema „Leben mit Behinderungen“ gesprochen.

Wie unterscheidet sich Ihr heutiges Leben im Rollstuhl von Ihrem früheren Leben?

Ich reise gerne, bin viel unterwegs. Meine Ziele haben sich kaum geändert. Natürlich brauche ich heute länger, um alles zu organisieren. Ich muss barrierefreie Hotelzimmer und Restaurants finden und mir meine Kräfte besser einteilen als früher. Zum Einkaufen fahre ich meist in Geschäfte, die ich kenne. Dazu nutze ich einen Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer. Auch beim Tanken meines Autos brauche ich Menschen, die mir helfen. Wenn das nicht der Fall ist, mache ich es trotzdem. Es ist dann schwieriger und dauert länger.

Was ist Ihnen in Ihrem Leben mit Behinderung wichtig?

Wichtig ist, die Situation anzunehmen wie sie ist: Nach vorne sehen, nicht vergangenen Zeiten nachzutrauern, weiterhin Ziele, Vorhaben und Wünsche zu haben. Gleichzeitig muss man sich überlegen, wie man diese Vorhaben und Ziele erreichen kann. Es ist wichtig, sich nicht von seiner Behinderung blockieren zu lassen. Auch den Humor darf man nicht verlieren. Ich lache nicht weniger als früher, vielleicht sogar mehr, weil sich manchmal für einen Rollstuhlfahrer sehr komische Situationen ergeben.

Wie empfinden Sie die mediale Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen in Österreich?

Die mediale Berichterstattung über behinderte Menschen verändert sich, aber viel zu langsam. Noch immer stehen bei Berichten oft Klischees im Vordergrund. Behinderte Menschen werden einerseits als arme, hilfsbedürftige Opfer des Schicksals dargestellt. Dem gegenüber steht das Helden-Klischee, wo diese „trotz“ ihrer Behinderung ihr Leben meistern und einkaufen gehen, Auto fahren. Dabei sind das alltägliche Vorhaben, wie bei allen anderen auch. Würde ich nicht einkaufen gehen, wäre der Kühlschrank und in der Folge mein Magen leer – und der meiner Familie auch.

Wie weit ist Österreich davon entfernt, eine inklusive Gesellschaft zu sein?

Ist das eine Fangfrage? (schmunzelt) Wir sind auf dem Weg dort hin, aber es müsste schneller gehen. Ich wünsche mir eine Bundesregierung, die die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft darstellt. Dazu gehören Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderung usw. Und einen Bundeskanzler, der auf die Frage, warum er denn diese vielfältige Regierung so zusammengestellt hätte, sagt: „Weil es 2015 ist!“. So wie der derzeitige kanadische Primierminister Justin Trudeau.

Welchen Ratschlag würden Sie Jugendlichen mit auf ihrem Lebensweg geben?

Es wären zwei. Erstens, glaubt an Eure Ziele und Vorhaben. Nur wenn ihr wirklich daran glaubt, könnt ihr sie umsetzen. Schaut nach vorne, was möglich ist und kämpft dafür. Zweitens, geht ohne Scheu auf behinderte Menschen in Eurer Umgebung zu. Ihr werdet sehen, sie sind so wie ihr. Die Floskel „des is behindert“ wird dann seinen Schimpfwort-Charakter verlieren, weil behindert zu sein keine negative Eigenschaft eines Menschen mehr ist.

Was würden Sie für behinderte Menschen verändern, wenn Sie für einen Tag österreichischer Bundeskanzler wären?

Ein Tag, phu! Da würde ich einen Beauftragten der Bundesregierung für behinderte Menschen einsetzen, der selbst behindert ist. Er könnte dann langfristige Maßnahmen umsetzen. Dazu gehört die Beseitigung von Barrieren, die behinderte Menschen an einer gleichberechtigten Teilnahme an unserer Gesellschaft behindern. Auch könnte er sich für eine schnellere Umsetzung der UN-Behindertenkonvention in Österreich einsetzen.

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-leben-mit-behinderung/interview-mit-manfred-fischer/
gedruckt am: Donnerstag, 23. November 2017