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Interview mit Petra Dannecker, Expertin für Entwicklungssoziologie

Petra Dannecker ist Professorin für Entwicklungssoziologie an der Universität Wien am Institut für Internationale Entwicklung. Sie forscht und lehrt zu Entwicklungspolitik, Migration und Entwicklung und zu Geschlechterverhältnissen, insbesondere in Süd- und Südostasien.

Wir haben mit ihr im Juli 2019 über die Sustainable Development Goals und nachhaltige Entwicklung gesprochen.

Wie würden Sie einem Kind erklären, was nachhaltige Entwicklung ist?

Unter nachhaltiger Entwicklung wird eine Entwicklung (wirtschaftliche, ökologische, soziale und gesellschaftliche Veränderung) verstanden, die für unseren Planeten und seine BewohnerInnen verträglich ist. Das heißt, Entwicklung sollte nicht zu Schäden führen, die nicht mehr wiedergutzumachen sind. Jede bzw. jeder sollte an der Entwicklung teilhaben können, und sie sollte allen Menschen zugutekommen. Sie soll so ablaufen, dass alle Menschen auch in Zukunft gut auf unserem Planeten leben können.

Das ist nicht selbstverständlich, denn unter „Entwicklung“ wurde und wird meist wirtschaftliche Entwicklung verstanden, d.h. neue Industrien, neue Technologien und neue Arbeitsplätze. Diese sollten dann zu weniger Armut, besserer Bildung oder einer besseren Gesundheitsversorgung, also gesellschaftlicher Entwicklung, führen. Viele Länder, vor allem in Europa und Nordamerika haben sich so entwickelt, d.h. Arbeitsplätze und Reichtum geschaffen. Allerdings haben sie dabei nicht darüber nachgedacht, dass dieser Reichtum und die damit verbundene Lebensweise nicht nur die Ressourcen (z.B. Bodenschätze, Erdöl) unseres Planeten aufbraucht, sondern unsere Umwelt so verschmutzt bzw. so verändert, dass die Schäden nicht mehr behoben werden können. Auch haben nicht alle Menschen von dieser Form der Entwicklung profitiert, d.h. der Wohlstand, der dabei entstanden ist, ist nicht gerecht verteilt worden. Es sind vor allem die Menschen in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens, die nicht teil hatten an diesen Entwicklungen, nun aber besonders unter den Folgen wie Umweltverschmutzung oder Klimawandel leiden. Darum ist nachhaltige Entwicklung so wichtig.

Ist „nachhaltige Entwicklung“ eigentlich ein neues Thema?

Nein, der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist nicht neu. Er wurde in der Forstwirtschaft schon 1713 verwendet: Hans Carl von Carlowitz forderte, dass in einem Wald nur so viele Bäume gefällt werden dürfen wie wieder nachwachsen – so würde der Wald nicht zerstört, sondern nachhaltig bewirtschaftet. Es hat allerdings bis zur UN-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro (Brasilien) gedauert, bis Politikerinnen und Politiker aus fast allen Ländern der Welt zum ersten Mal gemeinsam über den Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung, Entwicklung und globalen Entwicklungsproblemen (wie zum Beispiel Armut oder mangelnde Gesundheitsversorgung), diskutiert haben. Zum Abschluss der Konferenz wurden Maßnahmen beschlossen, mit denen eine nachhaltige Entwicklung erreicht werden sollte. So wurde zum Beispiel die Agenda 21 beschlossen, die besagt, dass Regierungen nachhaltige Entwicklung planen sollen, zum Beispiel über nationale Umweltpläne oder Umweltaktionspläne. Auch eine Klimaschutzkonvention und eine Walddeklaration wurden beschlossen.

Was erwarten Sie sich von der „Agenda 2030“ und den Sustainable Development Goals?

Die Vereinten Nationen haben in der ‚Agenda 2030‘ und den Sustainable Development Goals (SDGs) 17 globale Ziele festgelegt, um nachhaltige Entwicklung bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Die Agenda und die SDGs sind sehr umfangreich und sollen von allen Ländern umgesetzt werden. Sie stellen also ein gemeinsames Projekt aller Länder dar, damit alle Menschen auf der Welt heute und in Zukunft gut leben können. Das finde ich natürlich sehr gut, allerdings erwarte ich nicht, dass die SDGs bis 2030 komplett umgesetzt werden können – wichtig ist, dass mit solchen Maßnahmen in möglichst vielen Ländern ernsthaft begonnen wird.

Was ist das Besondere an den SDGS? Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten, wenn es um die Umsetzung der SDGs geht?

Das Besondere an den SDGs ist, dass Politikerinnen und Politiker aus ganz unterschiedlichen Ländern verstanden haben, dass die Probleme und Herausforderungen wie Klimawandel oder auch Armut nur gemeinsam gelöst werden können, und daher gemeinsam Ziele formuliert haben, um diese Probleme anzugehen.

Allerdings ist es gar nicht so leicht, es auch wirklich umzusetzen. Denn Erstens kosten die Maßnahmen viel Geld und die Bereitschaft von Regierungen, Aktivitäten zu finanzieren, um die Ziele zu erreichen, ist bisher nicht sehr groß. Zweitens können einige Ziele nur erreicht werden, wenn sich die bisherige Politik deutlich verändert. Das ist schwierig, weil das auch bedeuten würde, dass die Länder und die Menschen, die von den bisherigen Entwicklungen profitiert haben, auf vieles verzichten müssten. Sie würden dann vielleicht die Regierungen dafür verantwortlich machen und sie nicht mehr wählen. Drittens sind die Ziele nicht verpflichtend, d.h. die Länder, die die Ziele nicht umsetzen, können nicht dazu gezwungen oder gar „bestraft“ werden.

Welchen Beitrag kann Österreich bzw. jeder Mensch im Rahmen der SDGs leisten?

Österreich könnte viel tun. Zum einen wird in Österreich immer noch sehr viel Energie verbraucht und viel Abfall produziert, vor allem Plastikmüll. Hier gäbe es viele Möglichkeiten, dies zu verändern. Auch könnte Österreich sich für faire Handelsbeziehungen einsetzen und österreichische Unternehmen verpflichten, menschenrechtliche aber auch ökologisch negative Auswirkungen ihrer Geschäfte, auch im Ausland, zu überprüfen. Bürgerinnen und Bürger, die sich zusammen getan haben in ihrer Stadt oder Region, um einzelne Ziele umzusetzen (z.B. über Bildungsprojekte für benachteiligte Gruppen oder die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft) könnten stärker gefördert und unterstützt werden ebenso wie zivilgesellschaftliche Organisationen und deren Aktivitäten. Internationale Organisationen, wie die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen, wie zum Beispiel das Kinderhilfswerk UNICEF, unterstützen Länder, denen die finanziellen Mittel oder das notwenige Wissen zur Umsetzung der SGDs fehlen. Diese Organisationen sind darauf angewiesen, dass die wohlhabenderen Länder sie finanziell unterstützen – auch hier könnte Österreich einen größeren Beitrag leisten

Aber auch jeder von uns kann und sollte einen Beitrag leisten: Indem wir zum Beispiel weniger fliegen, weniger Fleisch essen oder uns darüber informieren, wo die Kleidung oder Handys herkommen, die wir konsumieren. Unsere Lebensweise zu verändern ist nicht einfach, aber ein wichtiger Aspekt, um die gesetzten Ziele zu erreichen, denn nur gemeinsam können wir es schaffen. Da tut sich auch einiges, wie die Fridays for Future Proteste zeigen, wo sich vor allem junge Menschen für die Umwelt engagieren. Sie sind diejenigen, die besonders darunter leiden werden, wenn die SDGs und damit nachhaltige Entwicklung nicht erreicht wird.

Welche der 17 Nachhaltigkeitsziele liegen Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Mir liegt das Nachhaltigkeitsziel 10 besonders am Herzen, Ungleichheit zwischen und in Ländern zu verringern. Zu oft schauen wir auf andere Länder, wenn wir über Ungleichheiten sprechen. Dabei wäre es wichtig, stärker darüber nachzudenken, warum es überhaupt Ungleichheiten zwischen den Ländern gibt, und was das mit uns zu tun hat. Zudem gibt es auch bei uns noch viel Ungleichheit, und ich fände es daher besonders wichtig, das Subziel 10.2. zu erreichen. Dieses besagt, dass bis 2030 alle Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Rasse, Ethnizität, Herkunft, Religion oder wirtschaftlichem oder sonstigem Status – menschenwürdig leben können sollten, sowohl bei uns als auch in den Ländern des Globalen Südens.

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-sustainable-development-goals/interview-mit-petra-dannecker-expertin-fuer-entwicklungssoziologie/
gedruckt am: Mittwoch, 14. August 2019