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Interview: Univ.-Prof. Sieglinde Rosenberger

Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger ist seit 1998 Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Mitglied des Senats der Universität Wien und des Unirats der Universität Graz.

Wir haben mit ihr im September 2013 über das Thema „Wahlen“ gesprochen.

Bei den Nationalratswahlen werden WählerInnen ab 16 Jahren zur Urne gebeten, was weiß man über das Wahlverhalten der jungen WählerInnen?

Junge Menschen interessieren sich für Politik, sie gehen wählen, allerdings etwas weniger zahlreich als ältere Menschen. Ihre Wahlbeteiligung ist etwas niedriger. Sie wählen alle Parteien, allerdings etwas häufiger die Grünen und die FPÖ als ältere Menschen.

Wahlen sind die Grundlage der Demokratie, europaweit sinkt aber die Wahlbeteiligung, was sind die Gründe dafür?

Dafür gibt es viele, von Wahl zu Wahl und von Land zu Land unterschiedliche Gründe. Wichtig für die Bereitschaft sich an der Wahl zu beteiligen ist die Einschätzung, ob „meine“ Stimme entscheidend sein kann, also wichtig ist. Wenn das Wahlergebnis im Vorhinein schon recht klar ist, z.B. wenn eine Partei weit vor der nächstgereihten Partei liegt, dann ist die Wahlbeteiligung meist geringer als bei knappen, sogenannten „Kopf-an-Kopf-Rennen“.

Die Wahlbeteiligung sinkt auch, wenn die Menschen entweder sehr zufrieden sind mit den politischen Leistungen oder, das Gegenteil davon, sehr frustriert sind von der Politik.

Wie sehr beeinflusst die mediale Berichterstattung die Wahlentscheidung?

Die mediale Berichterstattung beeinflusst zum einen die Tatsache, ob jemand wählen geht oder nicht. Sie beeinflusst zum anderen, dass stärker Personen als Parteien gewählt werden. Und sie beeinflusst die sogenannten WechselwählerInnen, die nicht ideologisch gebunden sind, sondern offen für unterschiedliche Parteien und Personen sind.
Voraussetzung für die „Beeinflussung“ aber ist, wie die politischen Parteien und SpitzenkandidatInnen sich in den Medien darstellen, wie sie sprechen und welche Bilder transportiert werden.

Immer wieder gibt es Kritik an Umfrageergebnissen, die vor der Wahl veröffentlicht werden, weil man befürchtet, dass die Menschen dadurch zu sehr in ihrer Meinung beeinflusst werden könnten, ist diese Kritik berechtigt?

Diese Kritik ist berechtigt, weil die Umfragen oft ein sehr deutliches, punktgenaues (Momentan-)Ergebnis signalisieren, gleichzeitig aber die Qualität der Erhebung mangelhaft ist. Es werden meist viel zu wenige Personen nach ihrer momentanen Meinung gefragt, um tatsächlich ein Ergebnis voraussagen zu können. Am besten ist es, diesen Umfragen nicht zu trauen und gleichzeitig doch zu wissen, dass sie Menschen in ihrer Wahl beeinflussen.

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gedruckt am: Samstag, 21. Oktober 2017