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Interview mit Marko Feingold, der die Ereignisse im Jahr 1938 in Wien erlebt hat

Marko Feingold ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und betreut die Salzburger Synagoge. Geboren am 28. Mai 1913, ist er heuer 100 Jahre alt! Die Ereignisse von 1938 hat er als junger Mann in Wien erlebt. Was ist ihm widerfahren, was hat er in den Tagen der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich miterlebt, welche Gedanken macht er sich über Propaganda und Diktatur? Jugendliche der Zeitreisewerkstatt zum Themenschwerpunkt „Gedenken 1938 – Annexion Österreichs“ haben ihn im November 2013 nach seinen Eindrücken gefragt, hier finden sich einige seiner Antworten:

Wie war die Stimmung am Heldenplatz vor und bei der Rede von Adolf Hitler am 15. März 1938?

Es war alles überfüllt, voll von Menschen, auch noch danach, als Adolf Hitler ins Hotel Imperial kam, die Leute haben so einen Lärm gemacht und geschrien, bis er am Balkon erschienen ist. Viele waren stolz darauf, sagen zu können, sie haben „den Führer“ gesehen. Reden und Lügen konnte Adolf Hitler gut, nur viele Leute haben das nicht gemerkt, dass er nur Lügen verbreitet hat.

Juden und Jüdinnen wurde ihr gesamtes Hab und Gut weggenommen, wie ist es Ihnen dabei gegangen? Was haben Sie dabei gefühlt?

Bereits in den ersten Tagen, sogar in den ersten Stunden hat man sich an der jüdischen Bevölkerung bereichert. Viele Menschen sind nicht nur zu Hitlers Ansprachen gegangen, sondern auch zu Wohnungen von Juden und Jüdinnen, die sie gekannt haben und von denen sie dachten, sie seien vermögend. Etwa gemeinsam mit einem Freund, der bei der SA war, sich seine Uniform anzog – mit so einem sind sie dann in die jüdische Wohnung eingebrochen und haben alles mitgenommen. Kein Polizist hat da geholfen, im Gegenteil, die Polizei ist darauf aufmerksam gemacht worden, nicht einzuschreiten.

Warum war die nationalsozialistische Propaganda vor allem bei der Jugend so erfolgreich?

Alles was nach Diktatur riecht, möchte ich nicht haben. Denn in einer Diktatur werden Menschen durch Propaganda bearbeitet, und bei der Jugend fängt man an. Weil man bei der Jugend am meisten und leichtesten Anklang findet. In Diktaturen wird die Erziehung der Kinder und Jugendlichen nicht von den Eltern, sondern in den Schulen und Jugendorganisationen übernommen. Man hat den jungen Burschen etwas Gewehrähnliches in die Hand gedrückt, in der Kleidung waren alle gleich, man empfindet Sympathie für den HJ-Führer, der zumeist ein fescher Bursche war und einem zeigt, wie alles geht. Die Erziehung ist militärisch, mit Marschieren und Strammstehen und so fort, was vielen Buben gefallen hat. 

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gedruckt am: Donnerstag, 14. Dezember 2017