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Interview mit Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin und Mitglied der Corona-Taskforce

Susanne Rabady ist Allgemeinmedizinerin, Leiterin des Kompetenzzentrums Allgemein- und Familienmedizin an der Karl-Landsteiner Privatuniversität, sowie Mitglied der Taskforce Corona des Gesundheitsministeriums.

Wir haben mit ihr im Oktober 2020 über das Thema „Gesundheit“ gesprochen.

Wie würden Sie in ein, zwei Sätzen Ihre Aufgaben und Ihren Arbeitsalltag als Beraterin des Gesundheitsministeriums in der „Taskforce Corona“ erklären?

Ich bin zuständig für den Bereich hausärztliche Primärversorgung/Public Health und stelle mein theoretisches und praktisches Wissen zur Rolle der Primärversorgung in der Pandemiebekämpfung zur Verfügung. Unter Primärversorgung versteht man vor allem die Hausärzt*innen mit ihren Teams. Meine Funktion ist rein beratend, Entscheidungen trifft der Minister mit seinem Team. Ein wichtige Wirkung dieses Stabes ist auch, dass Wissen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zusammengesammelt wird und damit ein gutes Gesamtbild entsteht.

Was sind Ihre Empfehlungen, um sich bestmöglich vor dem Coronavirus zu schützen?

Die simplen Regeln: Abstand halten, Handhygiene, Masken tragen, Massen meiden – und vernünftig bleiben:
Covid ist nicht Ebola, aber trotzdem ansteckend: jeder einzelne hat Verantwortung, nicht nur für sich, sondern auch für seine Nächsten – und Übernächsten.  Also: auf wilde Partys verzichten für die nächste Zeit, und auch Freunden nicht allzusehr auf die Pelle rücken. Lautes Reden, Schreien, Singen erhöht die Gefahr, weil die Tröpfchen aus der Atemluft mit den Viren dann weiter fliegen. Ebenso das starke Ausatmen z.B. beim Rauchen.  Und: keinen Blödsinn glauben!  Gute Informationen gibt es auf der Seite des Sozialministeriums, dort finden sich auch Hinweise für kindgerechte Informationen.

Was versteht man unter „Familienmedizin?“ Was ist das Besondere daran?

Mit Familienmedizin ist gemeint, dass jeder Mensch als Ganzes gesehen wird, mit seinen Besonderheiten, seiner speziellen, persönlichen Situation, seiner Familie und seiner Arbeit. Der Begriff Familienmedizin ist ja aus der englischen Sprache übernommen worden, und „familiar“ bedeutet auf Deutsch: vertraut. Der Haus- und Familienarzt ist also auch der vertraute Fachmann/die vertraute Fachfrau, der/die Menschen kennt und begleitet, und oft eben auch die ganze Familie, über viele Jahre.

Was sind ganz allgemein die größten Risikofaktoren für unsere Gesundheit?

Das hängt davon ab, wo man lebt, und unter welchen Umständen. Insgesamt gilt: Die Lebensumstände sind enorm wichtig. Also Einkommen, Bildung, Arbeitsbedingungen, medizinische Betreuung, Leben in gesunder Umwelt, mit genug sauberem Wasser, genug sauberem Essen. Dann erst kommen Dinge wie Bewegung, gesunde Ernährung, Abstand von risikoreichen Verhaltensweisen (von Schweinsbraten über Rauchen, Alkohol etc. zu riskantem Autofahren etc.).

Wie kann die richtige Ernährung zur Gesundheit beitragen?

Natürlich leben Menschen besser und länger, die ein normales Gewicht haben (also weder zu dick noch zu dünn sind), und die regelmäßig frisch gekochte Speisen, Gemüse, hochwertiges Fleisch in geringen Mengen, wenig Zucker zu sich nehmen. Es fällt ihnen leichter, körperlich fit zu bleiben, sie bauen weniger schädliches Körperfett auf, und haben ein niedrigeres Risiko, chronische Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Gefäßverkalkungen zu bekommen.

Wie halten Sie sich fit und gesund?

Ich gehöre zu den privilegierten Menschen. Ich lebe in einem der reichsten Teile der Welt, bin krankenversichert, habe Zugang zu sauberem Wasser, guter Luft und gesundem Essen. Ich haben einen Beruf, der mir Freude macht, mit Arbeitszeiten, die mir soviel Freizeit ermöglichen, dass ich Radfahren oder Gehen kann und so auch in Bewegung bleibe. Das tue ich auch regelmäßig – und ich achte (meistens …) darauf, dass ich nicht mehr esse, als mein Körper braucht. Und: Ich rauche nicht (mehr).

 

Welchen Auftrag würden Sie den PolitikerInnen geben, um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern bzw. zu schützen?

Kinder brauchen Sicherheit: Es sollte kein Kind geben, das in Armut lebt, oder gar in Illegalität. Kinder brauchen ausreichend große, luftige Wohnungen, Zugang zu Spielräumen möglichst im Freien, Zugang zum Gesundheitssystem und zu Bildung, sie brauchen Sportmöglichkeiten und gute Betreuungsmöglichkeiten, wenn die Eltern arbeiten. Kinder, die das nicht haben, brauchen besondere Aufmerksamkeit von der Gesellschaft – also vom Staat. Kindergesundheit darf nicht nur Verantwortung der Eltern sein, das ist eine Frage von Gerechtigkeit.

Was möchten Sie Kindern und Jugendlichen zum Thema „Gesundheit“ mit auf den Weg geben? Haben Sie einen Geheimtipp für uns?

Die guten Tipps sind ganz und gar nicht geheim: Viel Bewegung, viel Bildung, wenig Naschen. Gute Freunde, jetzt halt mit Abstand. Nicht Rauchen, keine Drogen – alles andere als ein Geheimtipp. Hobbies für die Freizeit, Nase hoch vom Handy: vor allem beim Gehen! Und bei Kummer und Sorgen: Hilfe suchen. Bei Eltern, Freunden, Lehrern, Hausärzt*innen – oder bei der Kummernummer. Unglück soll man nicht hinnehmen, sowenig wie Ungerechtigkeit.

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/lebensbereiche/thema-gesundheit/interview-mit-der-allgemeinmedizinerin-susanne-rabady
gedruckt am: Mittwoch, 28. Oktober 2020