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Geschichte des Antisemitismus

Menschen jüdischen Glaubens wurden in der Geschichte immer wieder angefeindet. Sie waren oftmals Opfer brutaler Gewaltaktionen, die als Pogrome bezeichnet werden.

Antike Judenfeindschaft

Zur Zeit des alten Rom war das Judentum eine der größten Religionsgemeinschaften des Römischen Reichs. Ihr Zentrum bildete der Staat Judäa (im heutigen Gebiet des Nahen Ostens), viele Juden und Jüdinnen lebten aber damals schon in der Diaspora. Die kriegerischen Erweiterungspläne des Römischen Reichs führten zur Zerschlagung des jüdischen Staates, in deren Folge auch der jüdische Tempel in Jerusalem von römischen Legionen zerstört wurde.

Nachgefragt: Was bedeutet Diaspora?

Diaspora bedeutet „Zerstreuung“. Leben Menschen in einer Gegend, in der fast nur Menschen mit einer anderen Religionszugehörigkeit wohnen, dann leben sie „in der Diaspora“.

Religiöser Antisemitismus (klicke auf die bunten Balken, um mehr zu erfahren)

Mittelalter

Im Mittelalter wurde in fast allen Teilen Europas der christliche Glaube zur beherrschenden Religion. Obwohl jüdischer und christlicher Glaube die gleichen Wurzeln haben, waren viele ChristInnen der jüdischen Bevölkerung gegenüber feindselig eingestellt. Diese Feindschaft wurde vor allem religiös begründet und wird als Antijudaismus bezeichnet. Antijudaismus beruht auf religiösen und sozialen Vorurteilen. Vielfach mussten Juden und Jüdinnen als Sündenböcke für Katastrophen und Unheil herhalten. Soziale und rechtliche Ausgrenzung und gewalttätige Verfolgung waren oftmals die Folge solcher religiös motivierter Anschuldigungen.

Das Christentum betrachtet Jesus als den Sohn Gottes und als Messias. Das Judentum glaubt an einen einzigen Gott und erwartet einen Messias. Die Vorstellung eines Gottessohns widerspricht jedoch seinen Lehren, ebenso der christliche Anspruch, Jesus sei der Messias. Dieser religiöse Unterschied führte zu zahlreichen Konflikten. Juden wurden als Christusmörder bezeichnet und beschuldigt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Dieser weitverbreitete Aberglaube führte zu immer abstruseren Anschuldigungen. Juden wurden etwa beschuldigt, Ritualmorde an Christen, vor allem an Kindern, zu begehen oder Hostien zu schänden. Das hatte oftmals schreckliche Gewalttaten an Menschen jüdischen Glaubens zur Folge.

Im Rheinland und auch in Österreich kam es während der Kreuzzüge (Ende des 11. bis 13. Jahrhundert) zu schweren Angriffen auf die jüdischen Gemeinden. Vor allem zur Zeit der Pest nahmen die Anfeindungen weiter zu. Als Sündenböcke für diese Seuche mussten vielfach Juden und Jüdinnen herhalten. Ihnen wurde unterstellt, die Brunnen vergiftet und so die Seuche verursacht zu haben. Infolge dieser Verfolgungswellen begann eine jüdische Auswanderung nach Osteuropa. Zu Beginn der Neuzeit war dort der jüdische Siedlungsschwerpunkt und blieb es bis zum 20. Jahrhundert. Die meistgesprochene Sprache der osteuropäischen Juden war Jiddisch, das auf alten deutschen Dialekten basiert.

Wiener Gesera: 1420/21 kam es zu einem schweren Pogrom durch den österreichischen Herzog Albrecht V., dem mehr als 200 Juden und Jüdinnen zum Opfer fielen.

Der kirchliche Glaube verbot den Christen, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu erhalten. Deshalb wurde der Geldhandel im mittelalterlichen Europa vor allem von Menschen anderer Glaubensrichtungen betrieben. Der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg führte zu Neid und Missgunst und zum Vorurteil des „Wucherjuden“ (als „Wucher“ wurde die überhöhte Verzinsung von verliehenem Geld bezeichnet). Mit der Verfolgung der jüdischen Geldgeber (deren wirtschaftlichen Dienstleistungen man aber auch brauchte) bereicherte man sich an ihrem Vermögen und befreite sich von Schuldbriefen.

In Spanien wurden Ende des 15. Jahrhunderts hunderttausende Juden und Jüdinnen vertrieben oder gezwungen, zum katholischen Glauben zu wechseln. Viele, die den Glaubenübertritt verweigerten, flohen ins Osmanische Reich (Nordafrika, heutige Türkei, Balkan, Naher Osten) und in die Niederlande – Länder, in denen größere religiöse Toleranz herrschte. Die vom Staat und der Kirche durchgeführte Verfolgung von Andersgläubigen („Spanische Inquisition“) fand 1492 ihren ersten Höhepunkt und wurde noch Jahrhunderte lang weitergeführt.

Neuzeit

Der Beginn der Reformation im 16. Jahrhundert brachte zunächst eine tolerantere Einstellung andersgläubigen Menschen gegenüber mit sich. Später wurden jedoch die mittelalterlichen Vorurteile gegenüber Juden und Jüdinnen auch in der Reformationsbewegung wieder aufgegriffen. Martin Luther, der Begründer der Reformation, schrieb beispielsweise 1543 die antisemitische Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Darin forderte er dazu auf, jüdische Häuser und Synagogen zu verbrennen.

Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden Juden und Jüdinnen vielerorts vertrieben und in abgegrenzte Wohngebiete, sogenannte Ghettos, gedrängt, sowie vieler finanzieller und rechtlicher Freiheiten beraubt. Für ihr Aufenthalts- und Wohnrecht mussten sie hohe Steuern zahlen. Während sich in Westeuropa mit den Ideen der Aufklärung auch die Idee der bürgerlichen Gleichberechtigung durchsetzte, blieben in Russland Jüdinnen und Juden bis zur Februarrevolution 1917 BürgerInnen zweiter Klasse, die in vieler Hinsicht eingeschränkt wurden. Die antisemitischen Pogrome Ende des 19. Jahrhunderts erzeugten eine jüdische Auswanderungsbewegung. Viele Jüdinnen und Juden suchten ein besseres Leben in der Neuen Welt, vor allem den USA.

Aufklärung

Durch das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. wurde in der Habsburgermonarchie der jüdischen Bevölkerung größere Freiheiten in der Religionsausübung gestattet.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam es in der Habsburger Monarchie durch Kaiser Joseph II. zu Reformen, die der Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung entgegenwirkten. Mit dem Toleranzpatent von 1782 wurde Juden und Jüdinnen eine freiere Religionsausübung gestattet. Erst jetzt durften sie auch nichtjüdische Schulen und Hochschulen besuchen und erhielten Berufsfreiheit. Weiterhin schränkten aber zahlreiche Sondergesetze die tatsächliche Gleichstellung ein.

Im Jahr 1867 wurde die Religionsfreiheit von Kaiser Franz Joseph in die Verfassung geschrieben und Juden und Jüdinnen wurden zu gleichberechtigten BürgerInnen erklärt.

 

Rassistischer Antisemitismus

Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts nahm seinen Ausgang in den Schriften von Antisemiten in Deutschland. Die Überzeugung, wonach Menschen verschiedenen „Rassen“ angehören, war damals allgemein verbreitet. Die Antisemiten behaupteten die Existenz einer besonderen „jüdischen Rasse“ und bezeichneten diese als minderwertig. Um ihre unsinnigen Argumente zu unterstützen, griffen sie auf pseudo-wissenschaftliche Konzepte zurück. Die Bandbreite des Antisemitismus reichte von abergläubischen Ideen bis hin zu scheinbar wissenschaftlichen Forschungen, Vermessungen und Experimenten. Religiöse Mythen wurden mit ökonomischen und verschwörungstheoretischen Vorurteilen vermischt. Damit unterstellte man den Juden und Jüdinnen, selbst schuld daran zu sein, dass sie Hass auf sich ziehen. „Die Juden“ wurden für alle Probleme der Zeit verantwortlich gemacht und ihnen wurde vorgeworfen, im Geheimen das Weltgeschehen zu lenken.

Was man gegen Antisemitismus tun kann, erfährst du im Kapitel „Dem Antisemitismus entgegentreten“.

Diskussionsfrage

Der französische Philosoph Jean Paul Sartre schrieb über den Antisemitismus: „Wenn es den Juden nicht gäbe, würde ihn der Antisemit erfinden“. Was meint Sartre damit?

Antisemitische Hetze um 1900

Die schwierige wirtschaftliche Lage Ende des 19. Jahrhunderts, verbunden mit dem Wiener Börsenkrach von 1873, machte antisemitische Anschuldigungen in der gesamten Monarchie als politisches Propagandamittel beliebt. Schuld an allen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten hatten „die Anderen“. Willkürlich wurden Juden und Jüdinnen zum Feindbild und Verursacher aller Probleme erklärt. Zahlreiche Politiker griffen die antisemitischen Ideen auf und nahmen sie in ihre Wahlprogramme auf.

Antisemitische Bewegungen fanden in Österreich um 1900 breite Zustimmung in der Bevölkerung. Ein Grund dafür war auch die angespannte Lage innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie und die Konflikte zwischen den verschiedenen Minderheiten im Vielvölkerstaat.

Antisemtische Karikatur der französischen Zeitung „La Libre Parole“ („Das freie Wort“) im Jahr 1983.

Jüdische MitbürgerInnen wurden vielerorts als „Fremde“ wahrgenommen, die nicht der eigenen Volksgruppe zugeordnet wurden, selbst wenn sie dieselbe Sprache sprachen. Auch die Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Kultur in der Moderne wurden von vielen Menschen mit Skepsis betrachtet. Sie machten für alle gesellschaftlichen Veränderungen Juden und Jüdinnen verantwortlich.

Antimoderne und antisemitische Propaganda war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in ganz Europa sehr erfolgreich. In Österreich wetterten Georg von Schönerer und seine politische Vereinigung „Die Alldeutschen“ ebenso gegen die Juden, wie der Führer der christlichsozialen Partei, Karl Lueger.

Lueger forderte Berufsverbote und Ghettos für die jüdische Bevölkerung. Als Bürgermeister von Wien (1897-1910) setzte er seine antisemitischen Drohungen jedoch glücklicherweise nicht in die Tat um.

Im Zuge dieser Radikalisierung kam es jedoch verstärkt zu verbalen und gewalttätigen Übergriffen auf Juden und Jüdinnen. Antisemitische Äußerungen und rassistische Zuschreibungen waren in den Medien und im Alltag überall anzutreffen. Zu dieser Zeit lebte auch Adolf Hitler in Wien. Sein Rassenwahn und Judenhass wurden von diesem Gedankengut geprägt.

Erste Republik und Zwischenkriegszeit

Eine Vorahnung von den nahenden schrecklichen Verbrechen gab 1922 Hugo Bettauers berühmter Roman „Die Stadt ohne Juden“.

In der Zwischenkriegszeit nahmen die antisemitischen Attacken weiter zu. Nach dem Ende der Monarchie und der Entstehung der Ersten Republik wurde 1919 der Antisemitenbund in Österreich gegründet. Zentraler Bestandteil seines Programms war der Schutz des deutschen Volkes vor dem, was man den „zersetzenden Einfluss des Judentums“ nannte.

Den nach Wien geflüchteten Juden und Jüdinnen aus den ehemaligen Ländern der Habsburgermonarchie wurde die Schuld an der hohen Zahl an Arbeitslosen und an der Armut gegeben. PolitikerInnen mit jüdischer Abstammung wurden von ihrer politischen Gegnerschaft angefeindet.

Viele PolitikerInnen bezichtigten die Juden, einen immer stärkeren, negativen politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu nehmen. Tatsächlich nahm die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Österreich der Zwischenkriegszeit aber ab. Trotzdem meinten viele PolitikerInnen, mit antisemitischer Rhetorik Wählerstimmen gewinnen zu können. Sogar die katholische Kirche meldete sich mit judenfeindlichen Äußerungen zu Wort. Aber auch die Sozialdemokratie, in deren Reihen viele jüdische Politiker tätig waren, trat nicht offen gegen den Antisemitismus auf. Dadurch hofften sie, die Gunst der WählerInnen zu erhalten.

Wahlplakat der Nationalsozialisten im Jahr 1932 in Österreich.

Mit Beginn des „autoritären Ständestaates“ 1934 wurde der Antisemitismus offiziell nicht mehr toleriert. Ungleichbehandlung wurde gesetzlich verboten, solange diese nicht „sachlich“ begründet war. Im Zuge der Ausschaltung des Parlaments wurden alle Parteien, darunter auch die NSDAP, verboten. Antisemitische Äußerungen, Anfeindungen und Entlassungen von jüdischen MitbürgerInnen kamen jedoch weiter vor.

Nationalsozialismus

Mit der Annexion Österreichs im Jahr 1938 durch das nationalsozialistische Deutschland begann auch hier die systematische Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Viele Juden und Jüdinnen mussten flüchten und ihre Heimat verlassen. In den Monaten nach dem „Anschluss“ mussten alle österreichischen Juden und Jüdinnen nach Wien übersiedeln. Der vom Großdeutschen Reich in Form von Gesetzen und Verordnungen festgeschriebene Hass gegen die jüdische Minderheit wurde von der Mehrheitsbevölkerung geduldet und sogar unterstützt. Die Nürnberger Gesetze von 1935 traten 1938 auch in Österreich in Kraft. Damit wurde bestimmt, wer als Jude und Jüdin galt, unabhängig vom tatsächlichen Religionsbekenntnis. Pässe von jüdischen MitbürgerInnen wurden mit einem „J“ gekennzeichnet. Ab 1941 mussten Juden und Jüdinnen einen gelben Stern auf der Kleidung tragen. Es kam zu Enteignungen und gewalttätigen Übergriffen, die viele in den Selbstmord trieben. 66.000 österreichische Juden und Jüdinnen wurden in der Zeit des nationalsozialistischen Terrors von 1938-1945 ermordet.

Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus in Österreich

„Da waren Menschen, mit denen wir friedlich zusammengelebt (…) hatten. Wo gab es auch nur einen Funken menschlichen Verständnisses und Mitgefühls ringsum? Die tödliche Bösartigkeit, mit der sich so viele Landsleute in der schrecklichen Stunde gegen uns wandten, hat unauslöschliche Erinnerungen hinterlassen. Die Gleichgültigkeit und Herzenskälte, mit der die Nachbarn die Zwangsaussiedlung aus unseren Wohnungen, die Enteignung, unsere Erniedrigung und schließlich die Deportation beobachteten oder ignorierten, haben die Betroffenen mehr schockiert, als die unmenschlichen Maßnahmen selbst.“ Hanns Thalberg, österreichischer Diplomat und Widerstandskämpfer

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gedruckt am: Montag, 25. November 2019